Kein Job ohne Sexismus

Mein Alarm ging um 7.30 Uhr. Ohne Stress.

Aufstehen, Duschen, den Katzen Futter und Medikamente geben, Handyakku einstecken, weil meine 5 Jahre alte Möhre nach ca. einem dreiviertel Tag den Geist aufgibt. Noch einen Screenshot vom Weg machen, weil das Laden von Google Maps auf besagtem Gerät länger dauert als das nächste Internet-Cafè zu finden.

„Die fliegen mich extra für ein einziges Gespräch ein – total fancy!“, konnte ich nur immer wieder staunen. Kurze Zeit später saß ich im Flieger nach Berlin.

Selbstbewusst und kompetent, so haben sie mich bestellt: Trilingual, Diplom und Doktortitel mit besten Noten, ohne Ende relevante und zusätzliche Erfahrungen auf dem Lebenslauf.

Was nicht im CV steht: Keine Eltern oder Geschwister, kein stabiles soziales Netz, arm, kann es nicht lassen sich um kranke Tiere zu kümmern und wünscht sich mehr als alles andere Sicherheit im Leben, weil es niemals welche gab.

Und auch nicht: Hofft, dass diese ganzen Titel und Qualifikationen ihr endlich ein normales Leben in einer neuen Stadt ermöglichen können. Irgendjemand muss ja die Brötchen- äh, Thunfischleckerlies verdienen.

Ich suche mittlerweile seit fast einem Jahr und obwohl Karriere-Coaches und die Agentur für Arbeit beteuern, wie einfach es bei mir gehen müsste und welche (für mein Gefühl) riesigen Summen ich verlangen sollte, geht es mir zum größten Teil wie vielen anderen auch: Lebensläufe verschicken, Absagen bekommen, frustriert bangen, Lebensläufe verschicken, Absagen bekommen… ein Kreislauf von Frustration und Selbstzweifeln.

Bei einem Stammtisch vor einigen Monaten dann lernte ich einen Mann kennen – Mitte 50, Vater eines Kindes, verheiratet, beide recht wohlhabend und freundlich. Er fragt was ich mache und ich sage, dass ich auf Jobsuche bin. Wie sich herausstellt arbeitet er für einen namenhaften Verlag, in einer für mich thematisch irrelevanten Abteilung und er bot an meinen Lebenslauf an den Chef der zu mir passenden Abteilung weiterzuleiten. „Wir können Leute wie dich gebrauchen.“ Ich war echt dankbar um die aufmunternden Worte und die praktische Unterstützung.

Dieser Mann, seine Familie und ich unternahmen in den darauf folgenden Wochen mehrmals Dinge miteinander. Ein Zoo-Besuch mit anderen vom Stammtisch, Hose-Kaufen mit ihm und der Tochter, Pizza-Backen mit der Familie… kurzum, wir lernten einander kennen, und ich, die ihre Biographie unter Verschluss zu halten gelernt hat, gab ihnen nur einen sehr kleinen, aber ehrlichen Einblick. Als ich mal aus Trauer um ein Tier weinen musste, bestand er darauf mich väterlich in den Arm zu nehmen. Er wusste, dass ich niemanden habe. Dass ich einen Job brauche. Dass meine höchste Priorität Sicherheit ist.

Die Zeit verging, doch erst als ich eine Zusage für eine andere Stelle bekam, tat sich etwas.

Ratz-fatz war der Flug nach Berlin gebucht. Dort angekommen bekam ich im Vorstellungsgespräch ganze Hymnen vorgesungen, und zwar darauf, wie unglaublich ethisch das Unternehmen sei!

Aber… es müsste mir klar sein, dass ich mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten würde?

Als Verlag würde man hier hohen ethischen Grundsätzen nachstreben!

Aber… warum würde ich ein Praktikum auf Mindestlohn abschlagen und auf einen richtigen Vertrag bestehen?

Insgesamt verlief das Gespräch dennoch ganz gut, wir einigten uns auf mögliche gemeinsame Projekte und verstanden uns ganz gut. Besagter Mann und ich flogen gemeinsam zurück. Er bestätigte mir noch einmal, dass ein richtiger Vertrag geschlossen werden würde und das von ihm genannte Jahresgehalt war für mich akzeptabel.

Ich war besorgt, aber einverstanden.

Besorgt, weil ich es aus arbeitspsychologischer Sicht komplett beknackt finde Mitarbeitern eine Selbstverständlichkeit zur Überforderung zu vermitteln und das als Unternehmensstandard zu etablieren, während man sich als Inbegriff der Arbeitsethik lobt. Einverstanden, weil ich keine bessere Option habe, denn die andere Stelle war einer nicht ganz ernst gemeinten Verzweiflungsbewerbung entsrungen, sie bietet weder Geld noch Sicherheit.

Ob ich mich also auf das Verabredete verlassen könne?, fragte ich ihn. -Ja klar, auf jeden Fall!! Das Angebot kommt am Montag.

Am Montag kam kein Angebot von meinem potenziellen Chef, sondern Avancen von ihm.

Er rief mich aus London an und sagte, er habe die ganze Nacht nicht geschlafen, er müsse an mich denken, mit seiner Frau liefe es schlecht… und so weiter, und so fort – eben der klassische Mist aus dem Lehrbuch „Untreue Männer in Machtpositionen auf der Pirsch nach junger abhängiger Frau zum Ausnutzen“.

Nicht meine Erziehung, sondern mein eigener, nunmehr jahrelang gefestigter Feminismus, gab mir die Kraft diesen Typen von hier bis nach London anzuschnauzen, meine Grenze deutlich zu machen und mir jegliche weitere Zumutung seinerseits zu verbitten.

Plötzlich war er so klein mit Hut, bat mich alles zu vergessen, nannte sich selbst einen Feigling. Letzterem konnte ihm nur zustimmen.

Als dann schließlich das Agebot von der HR-Abteilung kam, waren die Vertragsbedingunen nicht wiederzuerkennen. Insbesondere bei dem Gehalt handelte es sich um ein Bruchteil des Besprochenen.

Ich konnte nun sehen, dass alles nur ein Machtspiel war. Und dass die Firma nie bereit gewesen war mir den Rahmen zu bieten, der für mich nötig und wichtig gewesen wäre, um ein neues Leben zu beginnen. Da riß auch mein Geduldsfaden: Ich geigte allen meine Meinung. Von hier nach London, von hier nach Berlin, von hier bis wo auch immer in dem Moment der Familienkombi stand.

Es ist mir völlig gleich, wie er sich nun rauswindet. Das Manual „Wie man sich rausredet, wenn frau Grenzüberschreitungen anprangert“ und „Frauen als emotional-hysterische Lügnerinnen hinstellen für Dummies“ bieten sicherlich genug Hilfen und ich zweifle keinen Augenblick daran, dass er sie alle nutzen wird. Genauso wenig hege ich Zweifel daran, dass der Unsinn in diesem patriarchalen, kapitalistischen System runtergehen wird wie Öl.

Es fühlt sich so ekelhaft an zu sehen, dass hinter scheinbar Tröstenden Gesten erotomanische Fantasien steckten, dass in Wirklichkeit Hinterlist hinter vermeintlicher Hilfe lauerte. Ja, ich habe meine Grenzen gewahrt, Männer in hohen Positionen wie kleine Jungs ausgeschimpft und konnte mich – besser zu spät als nie – aus der Situation herausnehmen. Doch ich habe mich emotional total damit verausgabt mich gegen grenzüberschreitende Männer zu wehren, nur um hinterher die Scherben meiner Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufzulesen. Das macht mich müde, resigniert, schweigsam.

Was mich aber am meisten erschreckt hat, ist, wie wenig es mich erschreckt hat.

Sexismus am Arbeitsplatz ist bis heute ein großes Problem und viele von uns fühlen, dass sie alleine dastehen. Im Kleinen und Großen, hostil oder benevolent, durch Offenes und Verstecktes spielen Männer ihre Stellung aus und nutzen damit Frauen, insbesondere jene in Abhängigkeitspositionen, aus. Unsere Stimmen werden durch Macht, Druck und Lügen verausgabt, verleugnet und verstummt – doch wir wollen Sichtbarkeit. Schutz. Und Solidarität.

Sie wollen, dass wir uns ohne großes Aufhebens zurückziehen, Platz machen. Doch wir sind Schwestern. Wir sind viele. Meine Erfahrung bringt bei anderen Frauen Kommentare hervor wie: „Oh, das hatte ich auch mal…“, „Ja, bei meiner Schwester hat der Chef sich noch mehr rausgenommen…“ und „Ach, ich könnt‘ dir Storys oooohne Ende erzählen…!“.

Ja, bitte: Erzählt sie mir!

Meine Geschichte war vielleicht simpel: Ein Mann erschnuppert meinen Mangel an Halt im Leben und Job in Sicht; er bietet an zu helfen in seinem Unternehmen Fuß zu fassen und will danach mehr. Ich bleibe arbeitslos.

Doch was ist euch passiert?

Schreibt uns eure Geschichten – prangert an, legt dar und klagt an. Sie helfen Frauen, die nicht sprechen konnten und unterstützen jene, die nicht wissen, dass sie sprechen können. Sie zeigen auf, warum wir Schutzräume, Gleichstellung und Gesetze benötigen, um dem patriarchalen Machtmissbrauch – deren Täter sich keiner Schuld bewusst sein wollen – zu trotzen. Sie helfen, weil sie Frauen Mut machen sich zu beschweren, sich zu wehren und sich zu schützen.

Bitte, erzählt uns eure Geschichten durch den Hashtag #SexismAtWork auf Twitter @FraeuleinDok7or , an post@sexismatwork.de oder in unser Gästebuch.

 

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